Lydia Paasche

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Gefügte Räume

Wohin sie auch blickt: Lydia Paasche stößt allerorten auf plastische Gebilde. An der Garderobe, am Spülbecken, im Bücherregal. Selbst Fotografien, auf deren Zweidimensionalität bislang Verlass war, ragen unter ihrem Einfluss in den Raum hinein. Den Hintergrund bildet eine Art farbenprächtige Unterwasserwelt, bewohnt von anthropomorph anmutenden, jedoch für keinen erkennbaren Zweck brauchbaren Häkelwesen. Auf einer zweiten, vorgelagerten Bildschicht sprießen, fein ordentlich fotografisch isoliert und gerahmt, Pilze, die an ihrer Oberfläche einen psychedelischen Farbrausch ausleben. „Soll die Welt kaputt gehen“, heißt die Wandarbeit aus dem Jahr 2012. Ja, soll sie, oder soll sie nicht? Kein Ausrufezeichen. Kein Fragezeichen. Nicht einmal ein Komma. Nicht der geringste Anhaltspunkt.

Kein Halt, nirgends. Erst recht nicht im kosmischen Raum. Schwebt da ein unbekannter Planet, kontrastreich koloriert, im Universum? Ist es eine unerforschte Pflanzenart in einer Black Box? Oder offenbart hier eine sorgsam sezierte Stoffkugel ihr Innerstes? Um plastische Gebilde im Raum, und sei es der nahe oder ferne Weltraum, kreist Lydia Paasches Denken. Es kann der scheinbar neutrale Galerie- und Ausstellungsraum – der White Cube – sein, der in ihr den Wunsch nach Zeichensetzung weckt. Oder, wie bei den „Tatsachenberichten“ aus dem Jahr 2010, eine Wohnung, ein Lebensraum. Die Gegenstände, die Lydia Paasche dort findet, rücken zusammen, nehmen provisorisch einen Platz ein, bilden vorübergehend eine stimmige skulpturale Konstellation.

Den Raumhüllen, als die sich Boden, Wände und Decke auffassen lassen, begegnet Lydia Paasche mal mit Modellen, mal mit Wachsabgüssen, mal mit Kleiderhüllen, die sie faltet, wickelt, zusammenballt, stapelt und schichtet. Ob sie diese nun zu Kugel, Kegel und Zylinder formt, in Raumecken auftürmt oder als Barrieren einsetzt, um Gewohnheiten zu durchkreuzen und Zugänge zu verstellen, stets stehen sie in Relation zum Maßstab des menschlichen Körpers. So trägt ein zum Bodenrechteck gefügtes Sammelsurium von unspektakulären Besitztümern wie Jacken, Hosen, T-Shirts, Büchern, CDs, Töpfen und Tassen aus dem Jahr 2011 schlicht den Titel „neunzig mal zweihundert“. Eine Existenz nach Maß, in Zentimetern zu berechnen: Alles, was ein Mensch zum Leben braucht, nimmt nicht mehr Raum ein als eine Matratze. Kann das Zufall sein? Oder handelt es sich um Fügung?

Fügung nennt man das, was sich auf unvorhersehbare Weise fügt. Das, was niemand gezielt herbeiführen kann. Das, was keiner im Sinn hatte, bevor es eintrat. So gesehen, eröffnet Lydia Paasche „gefügte Räume“. Martin Heidegger verwendet diesen Begriff, um eine Alternative zum physikalisch-technisch entworfenen Raum aufzuzeigen. Die „anders gefügten Räume“, das sind, seinem Verständnis nach, die künstlerischen Räumen, aber auch die Räume des alltäglichen Handelns. In einer unnachahmlichen Verdichtung der Sprache geht er der Frage nach, in welchem Verhältnis „gefügter Raum“ und „objektiv kosmischer Raum“ zueinander stehen.1 Sind die „anders gefügten Räume“, so seine Überlegung, „nur subjektiv bedingte Vorformen und Abwandlungen des einen objektiven kosmischen Raumes“?2 Oder ist die Objektivität des objektiven Weltraums „unweigerlich das Korrelat der Subjektivität eines Bewusstseins, das den Zeitaltern fremd war, die der europäischen Neuzeit vorausgingen?“3 Was ist der Raum als Raum? Um diese Frage beantworten zu können, müssten wir, so Heidegger, imstande sein, Einblick in das Eigentümliche des Raumes zu nehmen. „Solange wir das Eigentümliche des Raumes nicht erfahren, bleibt auch die Rede von einem künstlerischen Raum dunkel. Die Weise, wie der Raum das Kunstwerk durchwaltet, hängt vorerst im Unbestimmten.“4

Lydia Paasche erkundet die Eigentümlichkeit des Raumes, indem sie sich auf das dort vorhandene Eigentum konzentriert, dieses als Volumen begreift und arrangiert. Der Geste des Raffens und Anhäufens von Gegenständen, die in ökonomischen Zusammenhängen in dem zweifelhaften Ruf steht, ein Indiz für angstbesetztes Handeln zu sein, gewinnt sie eine das Sich-Einrichten in der Welt reflektierende, raumbildende Komponente ab. Denn ihre von Spuren des Gebrauchs, des Verweilens und des Verwahrens gezeichneten Akkumulationen nehmen Formen an, die sich scheinbar mühelos in die vorhandenen Raumhüllen einpassen und kein Ausweichen zulassen. Verschoben, verstellt und komprimiert, eröffnen die vorgefundenen Dinge mit einem Mal Freiräume, die sich nur im Verlauf einer ergebnisoffenen Handlung auftun können, aber nie vorhersehbar sind. Mit Fug und Recht darf man Lydia Paasches Vorgehensweise daher als ein „Räumen“ bezeichnen, wie es Heidegger als „roden, die Wildnis freimachen“ umschrieben hat: „Räumen ist Freigabe von Orten“.5

Eine Kunst, die räumend Orte schafft und als solche freigibt, ist weder besitzergreifend noch vereinnahmend. Sie bekennt sich dazu, Entwurf zu sein. Sonst nichts. So kommen die Schichtungen, die Lydia Paasche konkret im Raum, aber auch modellhaft in Form von Fotocollagen, von teilweise überdeckten Abbildungen des Raumes, vornimmt, zumeist ohne Fixierungen aus. Sie sind von leichter Hand geplant und reversibel. Auf diese Weise bringt Lydia Paasche „gefügte Räume“ hervor, die sich dem Versammeln, dem Zulassen, dem Verweilen, dem Zueinandergehören der Dinge verdanken. Auf dass eine Ordnung jenseits der Logik des Ein- und Ausgrenzens, des Verwerfens und Konservierens entstehe. Eine freigiebige Ordnung des Einräumens.

Annette Tietenberg

1 Martin Heidegger: Die Kunst und der Raum. St. Gallen 1969, S. 7.
2 ebd.
3 ebd.
4 ebd., S. 8
5 ebd. S. 9. Vgl. Juliane Rebentisch: Ortsspezialisten – O’Doherty und Heidegger. In: Texte zur Kunst, September 2002, 12. Jg., H. 47, S.140-141.